Behaupte bloß nicht, die Natur sei kein Wunder. Erzähl mit bloß nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht eingesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits dem Ende nähert. Denn dann bekommen wir die letzte Möglichkeit, uns die Scheuklappen abzureißen, eine letzte Möglichkeit, uns diesem Wunder hinzugeben, von dem wir nun Abschied nehmen müssen... Ob du wohl begreifst, was ich hier auszudrücken versuche Georg? Niemand hat sich je unter Tränen von Euklids Geometrie oder dem periodischen System der Atome verabschiedet. Niemand zerdrückt ein Tränchen, weil er vom Internet oder dem Einmaleins getrennt wird. Es ist eine Welt, von der wir uns verabschieden, es ist das Leben, es sind Märchen und Abendteuer. Und dann müssen wir uns außerdem von einer kleinen Auswahl an Menschen verabschieden, die wir wirklich lieben. (Jostein Gaarder - Das Orangenmädchen)

Pseudohaus

ich und die imaginären Wände um mich herum...



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...entschuldigung



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Wir können ja Freunde bleiben.

Gerade habe ich Victor angerufen. Aus dem Grund: Ich hatte versprochen, ihn anzurufen.

Nach der Trennung kam mir die Vorstellung, den Kontakt ganz abzubrechen, nicht in den Kopf und ich sagte, als wir uns verabschiedeten, "dann rufe ich dich die nächsten Tage an". Das ist jetzt vier Wochen her. Jede Woche habe ich angerufen.
Als ich in der ersten Woche anrief, telefonierten wir eine gute Stunde - irgendwie vertraut am Telefon. Wir kannten einander so gut, waren eigentlich noch ineinander, zumindest ich in ihm, gefühlsmäßig fest verankert. Etwas Fürsorgliches, etwas Vertrautes, ein Hauch Liebevolles sogar schwang in allen Worten mit, ganz leise, weil er es uns ja eigentlich verboten hatte, aber ein bisschen war es da... Das Telefongespräch hinterließ eine komische Mischung an Gefühlen in mir, aber ich bereute es nicht. Und ich versprach unaufgefordert, ihn in der nächsten Woche wieder anzurufen.
In der zweiten Woche erfuhr ich von ihm am Telefon, dass er gerade Besuch hatte. "Das macht nichts", sagte ich, "ich melde mich einfach nächste Woche noch einmal."
In der dritten Woche war er wohl offenbar gerade nicht zu Hause und ich erzählte dem AB, dass ich es nächste Woche noch einmal versuchen würde.
Mit einer Selbstverständlichkeit. Ich habe nie gefragt, ob Victor denn will, dass ich ihn überhaupt anrufe. Ich habe diese Verständlichkeit suggeriert und zwar gerade deshalb, weil sie überhaupt nicht da war. Zu fragen "Willst du das denn?" wäre für die wöchentlichen Anrufe wahrscheinlich tödlich gewesen. Victor will überhaupt gar nichts von mir.
In der vierten Woche – heute – war wieder keiner zu erreichen. Vor allem aus Neugier, ob ich die Geräuschkulisse einer Kickerkneipe, eines polnischen Bordells oder marokkanische Marktschreier hören würde, wählte ich die Handynummer, die ich immer noch wie aus der Pistole geschossen auswendig kann.
Es war der Abendbrottisch in der Wohnung seiner Mutter. Der schreiende kleine Bruder war auch zu hören. "Ja, ich war eigentlich nur neugierig, ob es dich noch gibt." Da war wirklich so. Mir war aufgegangen, Victor hätte in den zwei Wochen ohne mein Wissen sterben, heiraten, ein Kind zeugen, Millionär werden oder eine Weltreise beginnen können. Aber es scheint, als sei nichts davon eingetreten.
Das Gespräch - es war kürzer, aber es war vor allem anders als das vor drei Wochen: Ich kenne Victor nicht mehr.

"Dann entschuldige die Störung", sagte ich.
"Nein, das macht nichts."
Ich spürte, das war nicht gelogen, aber es war irgendwie auch nicht wahr.

"Und dann… ich habe heute schon Karten gekauft. Bald fängt ja die Berlinale an."
"Ah ja, die Berlinale. Cool."
Und das ist ja gar kein Satz gewesen, den er da geantwortet hat, aber ich hatte das gleiche Gefühl. Er sagt etwas und es ist auch nicht gelogen, aber wahr ist auch nicht.

Alle Dinge, die er sagte, klangen wie Plastik. Menschen werden für mich dann real, wenn ich Leben, Gedanken und Gefühle aus ihnen höre. Ich habe das aus Victor einmal so deutlich gehört. Jetzt nicht mehr. Er ist nicht mehr echt. Es ist nicht einmal, dass er nicht ehrlich ist, dass er Dinge sagt, die er anders meint. Es ist, dass er Dinge sagt, obwohl er überhaupt nichts meint. Ich hätte genauso gut mit einem Chatbot reden können.
Ob das ist, weil in ihm nichts mehr drin ist oder weil er das innere nur so 100%-ig dicht vor mir versiegelt hat, weiß ich nicht.

Und dann: "Also ich weiß zum einen nicht, ob ich Zeit habe und du wirst wahrscheinlich auch keine haben. Ich bin wegen der letzten Mal verunsichert und weiß nicht, ob ich dich noch mal anrufen soll." Das ist die Wahrheit gewesen.
"Ach, doch." Ist das wahr? "Mal sehen. Ich kann es ja auch einmal versuchen." Tust du es denn wirklich?
"Also was nun?"
"Na ja, wir versuchen beide irgendwann anzurufen mal und dann wird es sich irgendwie ergeben."

Ich habe da nichts zu gesagt. Vielleicht hätte ich das tun sollen, denn so bin mitschuldig, dass das der letzte Satz des Telefonats war. Es ist ein sehr schäbiger letzter Satz für ein Telefonat, weil er auf eine sehr schäbige Beziehung schließen lässt. Versuchen Victor und ich Freunde zu sein? In dem Satz steckt, dass wahrscheinlich keiner von uns anrufen wird, weil jeder allenfalls auf den Anruf des anderen wartet und es steckt nicht einmal drin, bis wann man wartet und dann vielleicht doch selbst anruft. Irgendwann ruft vielleicht einer an. Irgendwann haben wir es auch vergessen. Will er es so?
5.2.08 19:51
 


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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


schnuti (5.2.08 23:07)
es ist zum heulen. alles wiederholt sich und das wird mir beim durchlesen deines posts und drüber nachdenken erst so richtig bewusst. eigentlich wollte ich nicht mehr an meine letzten 4 monate und den horror dadrin denken, andererseits hilft es mir auch ein bisschen, die sache endlich zu realisieren und abzuschliessen. es ist schlimm, wenn man sich mit all seinen gedanken allein fühlt und noch schlimmer ist es den menschen "plötzlich" nicht mehr zu kennen, der einem mal so nah war.

warscheinlich bin ich mit meiner einsicht einen großen schritt weiter als du, trotzdem sticht es noch ganz schön. ich wünsche dir, dass dich er dich nicht so lange festhält!!
lg
schnuti


flo / Website (7.2.08 08:18)
vielleicht klingen seine worte fuer dich leer, weil er nicht mehr zeitgenoessischer teil deines lebens sein moechte und du das im grunde genommen auch weisst. worte verlieren dann vermutlich an gewicht, weil sie auf nichts hinauswollen.

wenn etwas im ungleichgewicht ist, dann faellt es irgendwann um.
so denke ich, dass sich einer von euch ein telephonat wuenscht, sodass man irgendwann der ungeduld weicht und selbst anruft, weil man nicht mehr auf einen anruf warten kann oder moechte.


chrissy / Website (9.2.08 14:03)
wenn er sagt, er will allein sein, was soll er dir da noch großartig erzählen? er will auch weiterleben, wie du. nur dass er vermutlich nicht so erpicht auf kontakt ist. sonst hätte er ja auch mal zurückrufen können. hat er aber nicht. er will allein sein. lass ihn doch allein. vielleicht merkt er ja dann, dass es ein scheißgefühl ist.


alice / Website (9.2.08 15:10)
Ich habe das geschrieben, nachdem ich mir vorgenommen habe, ihn nicht mehr anzurufen.

>er will auch weiterleben, wie du.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu beschreiben, was in diesem Satz alles falsch ist.

und nein, das haben wir lange genug probiert, es ist für ihn kein scheißgefühl.

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