| Behaupte bloß nicht, die Natur sei kein Wunder. Erzähl mit bloß nicht, die Welt sei kein Märchen. Wer das nicht eingesehen hat, wird es vielleicht erst begreifen, wenn das Märchen sich bereits dem Ende nähert. Denn dann bekommen wir die letzte Möglichkeit, uns die Scheuklappen abzureißen, eine letzte Möglichkeit, uns diesem Wunder hinzugeben, von dem wir nun Abschied nehmen müssen... Ob du wohl begreifst, was ich hier auszudrücken versuche Georg? Niemand hat sich je unter Tränen von Euklids Geometrie oder dem periodischen System der Atome verabschiedet. Niemand zerdrückt ein Tränchen, weil er vom Internet oder dem Einmaleins getrennt wird. Es ist eine Welt, von der wir uns verabschieden, es ist das Leben, es sind Märchen und Abendteuer. Und dann müssen wir uns außerdem von einer kleinen Auswahl an Menschen verabschieden, die wir wirklich lieben. (Jostein Gaarder - Das Orangenmädchen)
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Pseudohaus ich und die imaginären Wände um mich herum...
...entschuldigung
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Ich grabe dann ein Loch in der Erde, so ein kleines rundes, ein Kaninchenbau, und setze mich darein. Das sind immer die Lagen im Leben gewesen, in denen ich verloren habe, die, bei denen ich später bereut habe, so gehandelt zu haben. Es fällt mir schwer, irgendwo hinzugehen, wo ich fürchte, nicht willkommen zu sein. Es fällt mir schwer etwas in Anspruch zu nehmen, von dem ich denke, dass es nicht (nur) mir gehört. Ich möchte gerecht, aber auch nett sein. Höflich zumindest, wenn nett nicht mehr geht. Aber ich mache es falsch. Oder zumindest ist die Annahme nicht richtig, man würde für ein solches Verhalten belohnt. Ich habe damit immer verloren. Und dieses eine Mal lässt es mich nicht los. Nicht einmal nach über einem halben Jahr. Inzwischen kann ich es mir selbst nicht recht machen.
Irgendwann beschlossen kurz nacheinander zwei , dass ich es nicht wert sei, irgendeine Form von Beachtung zu bekommen. Einer, dass es gerecht wäre, mich um meinen gesamten Berliner Freundeskreis zu bringen und fast alle, dass das etwas heftig, aber prinzipiell mitzumachen, zumindest zu akzeptiren sei. Vielleicht ist der Groll, den welche gegen mich hegen, inzwischen größtenteils verflogen, vielleicht könnte ich um Gunst bittstellen, vielleicht wäre das aber nicht einmal nötig, um mir wieder einen Platz in deren Reihen zu ergattern. Ich möchte nur nicht. Ich fühle mich jedes Mal erschlagen, wenn ich daran denke, was passiert ist. Wieviel Undankbarkeit, Ignoranz, Verlogenheit und böser Vorsatz sich offenbart hat. Ich möchte diese zwei nicht wieder in meinem Leben haben. Selbst wenn ich verzeihen könnte, selbst wenn man mich um Verzeihung bitten würde, ich könnte nie wieder vertrauen, ich könnte nie wieder nett sein und es ernst meinen. Auf falsche Freunde möchte ich lieber verzichten, denke ich. Und trotzdem sticht es in der Brust, jedes Mal, wenn ich wieder ignoriert werde, wenn mich etwas daran erinnert, dass da jemand jetzt ein Leben lebt, an dem ich nicht mehr teilhabe, wo ich doch früher so engagiert war. Es macht mich traurig und kann nicht einmal sagen was: unverstanden zu sein, ausgenutzt worden zu sein, belogen zu werden, ungerecht behandelt worden sein, von ihm, von allen anderen, vom Schicksal.
Und dann gibt es da noch mehr. Die, die bereit waren, die Freundschaft zu mir eher zu opfern als eine andere, wenn sie müssten. Die, die erklärten, dass sie in dieser Sache, nicht meine Vertrauten sind. Darf ich jetzt wieder vertrauen? Möchte ich Nähe, die mit vom bitteren Beigeschmack untrennbar ist, dass man sich schon einmal gegen mich entschieden hat und dass es dort immer noch mehr Nähe zu anderen gibt, die mich erniedrigt sehen wollten und vielleicht immer noch wollen.
Ich lebe seit dem viel isolierter und es geht, aber es fühlt sich nicht richtig an. Ich möchte, dass Menschen hier sind, mit denen ich Spaß haben kann. Ich möchte, dass welche hier sind, zum Lachen, zum Reden, zum Helfen, zum Vertrauen, zum Berühren. Passiert das je wieder?
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Ich habe mich kurz verloren. Nicht schlimm, nur für ein paar Tage - ein paar dieser Tage, die so kalt sind und gar nicht so tun, als seien sie Tage. Von den acht Stunden, die es hell sein könnte, ist es die meiste Zeit düster bewölkt. Ich habe meinen Kopf an seine warme Schulter gelegt und ihn gebeten, weiter vorzulesen. Aus der für einen Mann so hellen Stimme wird ein sonorer Redefluss, wenn er mir aus einem seiner Lieblingsbücher vorliest. Dann schließe ich die Augen und sehe den dicken König und das große Wildschwein im Wald kämpfen. Brennende Dörfer, belagerte Burgen und mächtige Ruinen und dazwischen einzelne Menschen afu Pferden und in Wind und Schnee, von deren Handeln das Schicksal eines ganzen Kontinents abhängt. Ich wünsche mir ab und zu, das Leben wäre so bedeutungsschwer, so, dass unsere Entscheidungen aberviele Menschen und unser aller Nachkommen beeinflussen würden und dass diese übergroße Verantwortung, alle, die sie tragen würden, zu den besten Menschen machen würde, die sie sein könnten. Und dann denke ich wieder, dass es auch schön ist, sich einen Kakao zu machen und auch den Rest des Tages im Bett zu bleiben, weil man heute nirgendwo hinreiten muss.
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Ein Tagebuch lässt den Weg in die Vergangenheit so einfach erscheinen. Für die letzte halbe Stunde war ich da. Zurück in der Gegenwart erfüllt mich ein seltenes, kaum fassbares Gefühl von Zeit, dass auf eine Weise schaudern lässt und auf eine andere ruhig und zufrieden stellt.
Dann denke ich, es wäre vielleicht gut, von diesen Tagen und Monaten lebhafte Erzählungen zu behalten, um auch hier später zurückfinden zu können - hierher, in das 2011 und das Gewissen zu spüren, auch in diesem Jahr gelebt zu haben. Aber dann feht es mir so oft an Worten. Nicht nur, dass das Studium mich mehr auf einzelne Buchstaben trimmt - war ich mir vor Jahren der gravierenden Bedeutung dessen, was ich tagtäglich erlebte und ja, auch meiner selbst so sicher, ich bin es jetzt nicht mehr. Ich kann mich erinnern, als Teenager daran geglaubt zu haben, dass die Selbsterkenntnis ein andauernder Prozess ist, der mit der Zeit immer mehr Frucht tragen würde. Aber wenn ich es mir nun so überlege, scheint es ganz logisch und unvermeidbar, etwas gegenteiliges zu erkennen: Ich bin mir meiner selbst nicht so sicher, wie ich es einmal schon war. Denn manchmal zweifele ich daran, dass ich mein Leben lebe, denke eher, mein Leben lebt mich. Dass Gefühl der Allmacht, mein Leben steuern zu können, verliert sich, denn die Jahre tragen genug dafür Gründe herbei. Und plötzlich hat man für einen Moment ganz das Steuer abgegeben. Wer lebt hier wen? Ist es das, was ich wollte, was ich will, dass jetzt passiert? Was wollte ich? Was will ich? Ich bin mir all dessen nicht immer sicher.
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Music: to love and to die in the natural migration
Mein Bruder ist jetzt 18 Jahre alt. Er meint, es ist gut, einige Dinge mit den Augen eines Erwachsenen sehen zu können. Mein Vater eröffnete eine philosophische Diskussion über die Grenze, die Erwachsene und Kinder trennt...
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Ich kenne das alles schon. All das ist schon einmal passiert - nicht so, sondern anders, aber mit dem gleichen Ergebnis.
Ein Teil davon ist derhier: Im November sagte J., dass er mir gar nicht danken könne für all meine Hilfe und mein Bemühen, als es ihm schlecht ging und dass es ein besonders großes Geschenk sei, meine Freundschaft zu haben. Der Januar war die Zeit der vielen Arbeit und des vielen Streitens. Ich hörte von anderen, dass J. ihnen gesagt hatte, er hielte es mit mir nicht einmal mehr in einer Stadt so groß wie Berlin aus und seine Flucht ins Ausland sei allein durch mich motiviert. Am Tag vor seiner Abreise wollte er mich, unerwartet fand ich, wiedertreffen. Auch unerwartet gab es für mich eine Entschuldigung zu hören und eine Geschichte von großen Gefühlen und das Versprechen, immer für mich da zu sein. Eine Umarmung und ein Abschied für drei Monate.
Mit großen Versatz reagierten wir auf die Emails voneinander, während er einen sehr engen Kontakt mit den zuvor weniger engen Freunden in der Heimatstadt hielt. Und noch wurde nicht auf die Willkommen-in-Berlin-Email reagiert. Nur so viel weiß ich: alle anderen Freunde in Berlin wurden schon besucht. Heute abend gibt eine Wieder-zurück-in-Berlin-Kochen, zu dem ich nicht eingeladen bin.
Es war so viel Streit, so viel Lügen, Hintergehen und im Stich Lassen, so viel Enttäuschung da. Monatelang. Ich nahm es alles hin, sagte immer, wenn mich etwas störte und akzeptierte doch, dass sich nichts änderte. Schwere Zeiten, dachte ich. Gute Freunde bleiben Freunde. Ich denke, jetzt sind wir keine Freunde mehr und ich wäre dumm, mir J.'s Freundschaft wieder zurück zu wünschen, will es wirklich nicht mehr. Traurig um das Verlieren bin ich trotzdem. Sehr.
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Zeit verstreicht und ich habe kein Gefühl mehr dafür. Seit letztem Herbst läuft alles schneller. Damals passierte etwas so schönes und doch fragiles, dass ich allein Angst hatte, allein darüber nachzudenken - ganz zu schweigen vom Schreiben - könnte es zerstören. Ich weiß deswegen nun nicht, in welche Reihenfolge die Dinge im Herbst und danach passiert sind. Ich weiß nur noch in teils widersprüchlichen flecken Erinnerungen, wie ich mich im März fühlte und im April... und danach. Eine gute Weile muss ich überlegen, wie die letzten Einträge zustande kamen.
Mein liebes Tagebuch, soll ich dir erzählen wie es mir geht? An sich ist es ein wenig eine schöne Geschichte, eine vom niemals aufgeben, aber auch keine vom großen Glück, sondern vom kleinen, das jeden Tag laut seine Vergänglichkeit ausruft. Außerdem ist es eine Geschichte, in der Menschen nicht dafür belohnt werden, nobel zu handeln, sondern eigennützig. Willst du diese Geschichte wirklich wissen?
Und bei allem, was sie so neu und vielleicht auch interessant macht, bin ich doch nicht mit so viel Enthusiasmus erfüllt, hierdurch zu rauschen. Vielleicht bin ich jetzt erwachsen. Mein Herz ist träge. Mein Streben nach Glück meldet sich nicht mehr. Ist es verwirrt? Oder ist es gar nicht mehr da?
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Es ist unglaublich, wie schlagartig und wie sehr ich jetzt traurig sein kann.
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Einsamkeit hält langsam wieder Einzug. Es wird hell, aber ich möchte die Musik noch nicht ausmachen. Die Stille würde mich daran erinnern, dass ich allein bin.
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Music: Jupiter Jones - Still I Mood: Etwas müde
Ein Gedanke, bei diesem Lied, dass mir zu anfang nicht gefiel, aber sich mit gewisser Hartnäckigkeit in mein Leben kämmpft, sodass ich es inzwischen annehme. Vielleicht kann ich Insomnia besser nachvollziehen al vor einiger Zeit, denke ich. Ich schlafe in diesen Tagen sehr spät ein. Es liegt an Bauchschmerzen und daran, dass mir Inspiration für meine Traumwelten fehlt, aber an noch mehr als das: Es packt mich ein gewisser Unmut beim Gedanken, schlafen zu gehen. Dieser Moment, indem man auf das Verblassen des Bewusstseins wartet - wenn man den ganzen Tag, damit verbracht hat, vor sich zu flüchten, abends im Bett findet man sich wieder. In sich gehen ist verpflichtet. Und da gibt es einen kleinen Unwillen, eine kleine Angst in mir.
Music: Electric President - Insomnia
Wie passend. Und dabei fällt mir ein, Lost in Translation ist ein ganz toller Film. Den habe ich erst vorgestern gesehen.
Und dieser kleine Unwillen und diese kleine Angst rühren daher, dass ich weiß, dass mich im In-mich-gehen keine Zufriedenheit über ein getanes Tagwerk erwartet, sondern eine komische Leere und das Gefühl von Belanglosigkeit.
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Augustana - Twenty Years
Ein kleiner Teil von mir hofft immer wieder, dass dort noch eine Möglichkeit schlummert. Trennt mich von Julien, dass ich so viel zu tun habe, dass ich eine Krankheit habe, die er nicht nachfühlen kann, dass er schon immer Augen auf Sophie hatte und sich das nur noch verstärkt oder dass nun so viele Berge der Trümmer zwischen uns liegen? Da ist kleine Hoffnung, dass all das zu überwinden wäre, aber sie rennt und zebricht, wenn wir uns sehen. Denn jeder Moment mit Julien erinnert mich daran, dass er nichts von dem, was ich ihm sagen will, versteht, nichts - es bleibt ihm alles, alles verschlossen und unlogisch, was uns betrifft, was andere betrifft und alle Themen, die in der Zeitung stehen.
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